Ein ehemaliger Arbeitskollege von Timo hatte uns von diesem unglaublich langsamen Zug durch Myanmar -dem Slow Train- erzählt. Einem, wie der Name sagt, langsam fahrenden Zug den der Tourismus noch nicht für sich entdeckt hat. Mit dem man Myanmar von einer ganz anderen Seite kennenlernen kann als z.B. in Bagan oder am Inle Lake. Der Slow Train fährt quer durch Dschungel, Gebirge, vorbei an Reisfeldern und an kleinen burmesischen Dörfern. Normalerweise kosten Panoramazugfahrten -oder Scenic Trains- eine Menge Geld, aber der Slow Train wird eigentlich nur von Burmesen genutzt und ist deshalb ein richtiges Schnäppchen.

Da wir unsere Myanmar-Tour sowieso von Yangon aus in Richtung Norden starten wollten, hat der Slow Train gut in unseren Plan gepasst und die Sache war beschlossen.

Vorbereitungen für die Fahrt mit dem Slow Train

In einem Youtube-Video von Notes of Nomands haben wir gesehen wie diese ganze Slow Train Geschichte funktioniert. Erst mal bedeutet das nämlich 24 Stunden mehr oder weniger am Stück in burmesischen! Zügen: zuerst mit dem Nachtzug (Zug-Nr. 3) nach Thazi, dort 2h warten und nochmal 10h weiter mit dem Slow Train. Wichtig ist sich für den Nachtzug einen Platz inder Upper Class oder im Sleeper zu ergattern. Jessica aus dem Youtube-Video hat es nur noch geschafft einen Platz in der sogenannten Ordinary Class zu kommen. Das bedeutet 12 Stunden auf einer Holzbank. Und ehrlich gesagt wollten wir das auf jeden Fall vermeiden.

Scheinbar sollte das Zugticket aber nur recht kurz vor der Abreise zu bekommen sein. Also muss man sich unter Umständen sehr beeilen noch einen „guten“ Platz im Zug zu bekommen. Nach etwas Recherche haben wir dann aber herausgefunden, dass man Zugtickets doch im Voraus über Go-Myanmar buchen kann: 25€ pro Person im Sleeper. Schien uns ein bisschen teuer, aber immer noch fair :)

Tickets für den Nachtzug von Yangon

In Yangon haben wir die E-Mail von Go-Myanmar bekommen, dass wir die Tickets ab 3 Tage vor Abreise abholen können. Als wir sie dann in der Hand hatten, haben wir festgestellt… die Fahrt im Sleeper kostet eigentlich nur knapp 13.000 Kyat, das heißt ca. 8€. Da haben wir also 17€ aus dem Fenster geworfen. Da wir aber dafür den Platz im Sleeper sicher hatten -und tatsächlich auch alle Betten belegt waren (und durch die Vorfreude auf den Slow Train) haben wir uns nur ganz kurz darüber geärgert.

Abfahrt von Yangon und unser erster Touri-Scam in Myanmar

Am Bahnhof in Yangon ging alles ein bisschen chaotisch zu. Es gibt keine Anzeigen auf Englisch und es ist erst mal schwer zu erkennen wohin man überhaupt soll. Aber die Bahnangestellten helfen einem gerne, wenn auch mit Händen und Füssen, weiter. Bis um 16:30 die Zugtüren geöffnet wurden, hatten wir noch eine halbe Stunde Zeit, die wir im Tourist Office verbracht haben. Die Mitarbeiter dort waren unglaublich lieb und goldig, haben uns Tee gebracht und wir konnten unsere Handys nochmal laden.

Nachdem bisher jeder in Yangon unglaublich freundlich und hilfsbereit war dachten wir, die typischen Touri-Scams sind hier vielleicht noch nicht so angekommen. Beim Einsteigen in den Zug wurden wir dann direkt eines Besseren belehrt. Ein Kerl hat sich die Koffer eines belgischen Pärchens geschnappt und in den Zug getragen. Zu uns meinte er, wir sollen ihm nachlaufen, wir wären im selben Wagon. Soweit richtig, aber im Zug hat er es geschafft Timo noch schnell seine Tasche aus der Hand zu reißen und für das Tragen von Zugtür bis Abteil dann unverschämte 5000Kyat (3,50€) verlangt. –Nachdem wir ihm schon Trinkgeld gegeben hatten. Unglaublich. Von den anderen beiden wollte er ebenfalls jeweils 5.000Kyat. Da die ganze Situation nach kurzer Diskussion wirklich ein bisschen beängstigend wurde, haben wir zähneknirschend bezahlt. Sowas Blödes!

Im Nachtzug #3

Nach dem ersten Rückschlag ging unser Slow Train Abenteuer erst mal ganz gut weiter. PÜNKTLICH um 17Uhr gings los. Wir waren mit den Belgiern im Abteil und hatten die Fahrt über viel Spaß. Das Abteil sah auch wirklich überraschend gut aus und die Betten sind den Umständen entsprechend bequem. Es gibt Fenster und einen Ventilator und es ließ sich ganz gut aushalten.

Als es dann dunkel wurde, haben wir aber den nächsten Schreck bekommen. Zugegeben, einen mit dem ich schon gerechnet hatte: Timo hat eine fette Kakerlake gesichtet und ich kurz darauf auch. Nur aus dem Augenwinkel und die Farbe war irritierend. Aber so schnell wie sich das Tier bewegt hat… eindeutig Kakerlake… denkste. 10 Minuten später wussten wir: Nicht mit duzenden Kakerlaken, sondern mit einer Mäusefamilie teilen wir uns heute Nacht das Zimmer. Es gibt sicher Menschen denen es anders geht, aber für uns war das eine echte Erleichterung. Und die Mäuse waren ja sooo süß ;D

Bis auf die Tatsache, dass man wirklich ordentlich durchgeschüttelt wird und der Zug bei der Durchfahrt durch jedes Dorf hupt wie verrückt, war der Rest der Fahrt ziemlich unspektakulär. Wir konnten sogar ein paar Stunden schlafen.

Was man definitiv nicht vergessen darf, ist sich einen Wecker zu stellen. Jeder im Zug hat nämlich eigentlich ein Ticket zur Endstation nach Mandalay und ist für den Ausstieg am richtigen Bahnhof selbst verantwortlich.

Ankunft in Thazi

Um 5Uhr morgens sollten wir in Thazi ankommen. Also haben wir unseren Wecker vorsichtshalber auf 4:30Uhr gestellt. Und wie schon bei der Abfahrt. Fast auf die Minute genau um 5Uhr konnten wir in Thazi aus dem Zug klettern. Und dann waren wir erst mal etwas überfordert…

…Unmengen von Burmesen tummeln sich um diese Uhrzeit schon am Bahnhof. Zwischen den Gleisen scheinen einige auch dauerhaft zu übernachten und als einzige Touristen weit und breit wurden wir erst mal kritisch beäugt. Überall Tafeln mit Ticketpreisen und Zugfahrplänen in burmesischen Schriftzeichen und niemand der Englisch spricht. Also was tun? Erst mal nichts. Bis der Slow Train um 7Uhr losfährt war ja noch ein bisschen Zeit.
10 Minuten später ist auch plötzlich ein Mann hinter einem der Schalter aufgetaucht. Der konnte zwar auch nur zwei, drei Wörter Englisch, hat aber „Shwenyaung“, unseren Zielort verstanden. Er konnte uns auch irgendwie klarmachen, dass der Zug auf einem der hinteren Gleise fährt und dort auch die Fahrkarten verkauft werden – und auch tatsächlich nur dort. Aber erst ab 6Uhr.

Warten auf den Slow Train am chaotischen Bahnhof in Thazi

Aus dem kleinen Bahnhofsgebäude sind wir dann quer über die Schienen zum mittleren der Bahnsteige gelaufen. Überall sitzen und liegen Burmesen alleine oder mit der ganzen Familie am Boden, teilweise wird gekocht oder gegrillt oder einfach nur geschlafen. Kurz haben wir uns ein bisschen wie Eindringlinge gefühlt. Da es bis kurz vor 6Uhr noch stockfinster war, sah das alles irgendwie doch leicht unheimlich aus.

Wir haben uns zum Warten dann einfach auf eine kleine Bank neben eine burmesische Mami mit ihren zwei Kindern gesetzt. Die drei haben irgendwas verrücktes, rechteckiges gegessen und uns direkt etwas davon angeboten. Auch wenn uns nicht besonders nach essen war haben wir ein kleines Stück abgebrochen. Alle drei haben sich riesig gefreut als wir probiert haben. Nach diesem ersten Erlebnis war das mulmige Gefühl auch wie weggeblasen. Leider haben wir kein Foto vom Essen gemacht und der Geschmack lässt sich echt schwer beschreiben. Ziemlich süss irgendwie und insgesamt nicht ganz so lecker mit einer Konsistenz wie Fudge mit Polenta. :D Was aber unglaublich war… das winzige Stück von diesem was-auch-immer machte schon richtig satt.

So gestärkt haben wir dann um 6Uhr unser Ticket für den Slow Train kaufen können. Der Mann am Schalter konnte sogar Englisch und so konnten wir herausfinden an welchem Gleis genau unser Zug fährt :) 200km oder 10 Stunden Fahrt in der Slow Train Upper Class kosten pro Person übrigens gerade einmal 3000 Kyat, also nicht mal 2€. -Wie vorher erwähnt, ein richtig guter Schnapp. ;)

Los geht’s – 200km mit durchschnittlich 20km/h

Und trotz aller Berichte über stundenlang verspätete Züge in Myanmar fuhr auch der Slow Train pünktlich um 10 vor 7 in den Bahnhof ein und um 7Uhr dann los in Richtung Inle Lake. Was wir direkt bemerkt haben ist, nur Touris –also in dem Fall nur wir beide- bekommen einen Platz zugewiesen. Alle anderen können sich setzen wo sie gerne möchten. Was aber super ist, denn wie das Schild mit dem freundlichen „Tourists welcome“ am Schalter schon angedeutet hat… man bekommt die guten Plätze in Fahrtrichtung ;)

Ein echtes kleines Abenteuer

Nach ein paar km kam dann schon der erste unfreiwillige Stopp vor einem ziemlich gefährlich aussehenden Fluss. Ein paar Burmesen standen vor dem Zug und haben hitzig diskutiert. Kurz dachten wir schon: „alles klar, mitten im nirgendwo wars das jetzt mit der Zugfahrt“. Aber nein, irgendwas wurde hektisch repariert und dann konnte der Slow Train ganz vorsichtig über den Fluss fahren. Das war schon ziemlich beeindruckend.
Den Rest der Fahrt wars dann nicht mehr ganz so abenteuerlich, aber nicht weniger beeindruckend. Im Schneckentempo sind wir mitten durch Urwälder, vorbei an kleinen Dörfern und durch das Gebirge mit dem Blick in tiefe Schluchten gefahren. Der Slow Train macht dabei seinem Namen wirklich alle Ehre, da merkt man erst mal wie langsam 20km/h tatsächlich sind.

Während der Fahrt steigen an verschiedenen Stellen auch immer wieder Frauen ein und aus, die essen in Körben tragen oder auf dem Kopf balancieren.
Normalerweise sind wir –vor allem Timo- nicht so empfindlich was fremdaussehendes Essen angeht. Aber wir müssen gestehen, wir haben uns die ganzen 10 Stunden über mit 3 Brötchen über Wasser gehalten. Selbst den „Chicken-Rice“ haben wir verschmäht, da wir dann mit Hühnerfüßen hätten vorliebnehmen müssen. Umso dankbarer waren wir jetzt für die Fudge-Polenta ;)

In jedem Dorf ist großer Trubel, wenn der Zug einfährt und viele versammeln sich und schauen. Uns wurde auch oft zugewinkt, da wir mit unserer hellen Haut und den Sonnenbrillen im Gesicht auch von weitem als Fremde identifiziert werden konnten. Selbst in den großen Städten Myanmar wird man als Tourist oft neugierig angesprochen (und versteht meist nichts), aber entlang des Slow Trains ist man als Tourist wirklich noch der Hit ;)

Besondere Streckenabschnitte des Slow Trains

Zwei Dinge haben uns neben der Landschaft und den Menschen auf der Slow Train Strecke besonders gut gefallen. Das war zum einen der Stopp „Zit Zat Reverse“, eine Sackgasse in die der Zug zuerst einfährt und dann mehrere Minuten lang rückwärts wieder raus. Und zum anderen gibt es einen 360Grad Kurve bei der alle mit dem Handy die Brücke von unten filmen über die der Zug gerade noch gefahren ist. Wir auch :D

Die letzten zwei Stunden im Slow Train fährt man vorbei an Feldern und Wiesen, ein totaler Gegensatz zu den Bergen und den dichten Wäldern die Stunden zuvor. Im Grunde sah die Landschaft plötzlich sehr europäisch aus.
Die letzten 50 Kilometer ab Kalaw ist der Zug dann aber voll mit Touristen. Es werden viele Trekkingtouren um Kalaw herum angeboten, deren Abschluss es dann ist mit dem Slow Train in Richtung Inle zu fahren. Ganz so idyllisch war die Fahrt dann nicht mehr, aber zu dem Zeitpunkt waren wir dann sowieso auch schon ziemlich müde :D

Würden wir nochmal mit dem Slow Train fahren?

Schwer zu sagen. 24 h im Zug sind eine Menge. Vor allem in Myanmar. In Verbindung mit dem Nachtzug direkt davon würden wir die Slow Train-Fahrt deshalb wohl nicht mehr machen. Aber wir sind froh, dass wir die Fahrt das eine Mal gemacht haben. Es ist einfach ein ganz besonderes Erlebnis, wenn man sich in einem relativ unerschlossenen Land wie Myanmar abseits aller Touristenpfade bewegt.

Die Tour mit dem Slow Train oder viel mehr die gesamte Fahrt ab Yangon ist ein echtes Abenteuer und ein einmaliges Erlebnis. Man sieht wirklich viel vom Land auf eine recht bequeme Art und Weise. Zugeben müssen wir aber, dass die 24 Stunden uns irgendwann doch sehr lange wurden und wir wirklich froh waren, als wir endlich in Shwenyaung angekommen sind. Ich konnte es kaum abwarten endlich ins Hotel am Inle zu kommen und zu duschen. Zudem habe ich ein paar rote Striemen im Gesicht davongetragen. Im Zug sind die Fenster offen und ab und zu bleibt ein längerer Ast hängen und schnalzt dann mit Wucht durchs Fenster rein. In einigen Fällen mir direkt ins Gesicht… beinahe hätte ich ein Auge verloren :D Den Fensterplatz habe ich aber trotzdem nicht hergegeben.